Bruder Eichmann / Geschwister Eichmann von Heinar Kipphardt / Lukas Hammerstein
Bruder Eichmann / Geschwister Eichmannvon Heinar Kipphardt / Lukas Hammerstein
Einführung 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn in der Container-Bar
Ein biederer Mann mit Hornbrille aus Solingen. Als der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem vor Gericht steht und wegen der millionenfachen Ermordung von jüdischen Menschen angeklagt wird, schaut die ganze Welt zu. Nach einem achtmonatigen Prozess mit über 100 Zeug:innen wird Eichmann für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Er verteidigt sich stets als kleines Rädchen im Getriebe des Massenmords. Selbst in seinem Schlusswort bezeichnet er sich zwar „seines Gehorsams schuldig“, nicht aber seiner Taten.
Mit Bruder Eichmann von Heinar Kipphardt wurde 1983 einer der wichtigsten Texte des politischen Dokumentartheaters uraufgeführt. Auf Basis der Verhörprotokolle aus Jerusalem zeichnet Kipphardt Eichmanns Weg vom biederen Vertreter einer Öl-Firma zu dem Menschen nach, der die Deportation und den Mord an sechs Millionen jüdischen Menschen organisierte. Er zeigt Eichmann in seiner Monstrosität und Mittelmäßigkeit zugleich und wirft die Frage auf, ob ein jeder zum „Menschen Eichmann“ werden könne. Durch Szenen, in denen Kipphardt der „Eichmann-Haltung“ in seiner politischen Gegenwart nachspürte, polarisierte das Stück: Von einer Banalität des Bösen zur Banalisierung des Holocausts?
Aber sind heute endlich alle gut? In Geschwister Eichmann (UA) wirft der zeitgenössische Autor Lukas Hammerstein einen scharfen Blick auf uns alle, die wir das Böse hinter uns gelassen und es fleißig aufgearbeitet haben. Oder doch nur unter den Teppich gekehrt, abgespalten, verdrängt und vergessen? Sprachgewaltig seziert Hammerstein in seinem Gesellschaftsporträt, wie die Vergangenheit Teil unserer Gegenwart bleibt. Ein vielstimmiger Chor bürstet den „Schluss” gegen den Strich und bleibt dabei dem Bösen wie auch den Guten auf der Spur.
Intendantin Kathrin Mädler lädt in ihrer Inszenierung Bruder Eichmann und die Geschwister Eichmann zum immerwährenden deutschen Familienfest. Lebt Eichmann in uns fort?
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Pressestimmen
„Seit Kathrin Mädler vor gut zwei Jahren die Intendanz des Oberhausener Theaters übernahm, hat sie sich immer wieder mit der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert beschäftigt. Ihr Theater setzt ein deutliches Zeichen gegen all jene, die behaupten, dass auch einmal Schluss sein muss mit der Vergangenheitsbewältigung, die von einem »Fliegenschiss« reden und damit das Vergangene anschlussfähig ans Heutige machen wollen. In diesem Kontext steht auch ihre Inszenierung von Heinar Kipphardts etwas in Vergessenheit geratenem Dokumentarstück und von Lukas Hammersteins zeitgemäßer Fortschreibung. Adolf Eichmann ist eben kein singuläres Phänomen, und die »Banalität des Bösen«, von der Hannah Arendt angesichts des Eichmann-Prozesses in Jerusalem gesprochen hat, umgibt uns immer noch.“
Sascha Westphal, kultur.West
„Die Inszenierung zeigt diese Anti-Tragödie als erschreckendes Menschengemälde. Richtig ist es auf jeden Fall, dass die Oberhausener Inszenierung nicht mit dem Tod Eichmanns endet. Lukas Hammersteins chorischer Text dreht sich um das Wort ‚Wir‘ und umkreist in einer Ode an die Banalität des Bösen in angerissenen Schlagworten die Geschichte von BRD, DDR und Deutschland der Gegenwart. Im präzisen und gut rhythmisierten Spiel des Ensembles regt dieses Finale unbedingt dazu an, wachsam zu bleiben in politisch fragilen Zeiten.“
Detlev Baur, Die Deutsche Bühne
„Torsten Bauer, der in der Rolle des Eichmann einen gewaltigen Berg an Text zu bewältigen hat, trifft, bebrillt und adrett im durchgeknöpften Einreiher, genau den beflissenen Ton, den man aus der Dokumentation des Jerusalemer Prozesses kennt. Aufbrausend wird er nur selten, etwa, wenn er bestimmte Abläufe bestreitet, weil sie ja schon allein ‚bürotechnisch‘ und ‚behördenmäßig‘ gar nicht möglich gewesen wären. Eines Mannes, der vor Gericht selbst ‚die größte Rolle seines Lebens‘ spielte, wie Psychiaterin Frieda Schilch es im Stück nennt. Die unscheinbare Inkarnation der ‚Banalität des Bösen‘. Bauer leistet als Eichmann Großes, indem er ohne jede falsche Dämonie die lavierende Selbstentlarvung eines befehlsgläubigen Technokraten zeigt.“ Alexander Menden, Süddeutsche Zeitung
„Kathrin Mädler nimmt die Familien-Metaphern auf und lädt zum Familienfest. Das Publikum sitzt an einer imposanten, einen Grabhügel umschließenden Tafel. Torsten Bauer spielt den Eichmann souverän und mit überheblicher Gelassenheit. Für Geschwister Eichmann wechselt das Setting. Eichmann sitzt im Publikum, alle andern bilden einen wortspielreichen Sprechchor über Bewältigung und Verdrängung bis heute. ‚Stell dir vor, es ist Vergangenheit und keiner hört hin‘, heißt es an einer Stelle. Kathrin Mädler erhebt in Oberhausen so laut ihre Stimme, dass das nicht geschieht.“
Klaus Stübler, Ruhr Nachrichten
„Deutsche Vergangenheit trifft an diesem Abend auf deutsche Gegenwart. Wo Kipphardt auf Verhörprotokolle des israelischen Geheimdiensts zugriff, um den Jerusalemer Gerichtsprozess gegen den SS-Obersturmbannführer zu einem Konzentrat zu verarbeiten, tastet der 1958 geborene Journalist und Autor Lukas Hammerstein die Nation auf aktuelle Befindlichkeiten ab. Dabei erweist sich die Bühne von Mareike Delaquis Porschka als genial hintersinnig, denn das Premierenpublikum, das an diesem Abend die deutsche Gesellschaft symbolisiert, kann nicht am Grabhügel vorbeisehen. Da müsste man ihm schon den Rücken zuzudrehen, was unweigerlich den Preis hätte, sich von der Gemeinschaft abzuwenden. Noch raffinierter wird es, wenn der zweite Teil des Abends sich wie das Positiv zum Negativ verhält. Die düstere Höhle weicht einem hellen Raum, statt strenger schwarzweißer Kleidung dominiert nun Legeres in Beige. Hammersteins Text zeigt ein weit freundlicheres, weltoffeneres Deutschland, aber auch, wie manches Echo aus dem dritten Reich nachschwingt. Zwischen Sommermärchen und Schlussstrichrhetorik, Kita und Krisenmodus, Onkel ‚Warichnich‘ und Tante ‚Wusstichnich‘ besteht das Geschwister Eichmann genannte Kollektiv darauf, jetzt zu den Guten zu gehören: ‚Da sind wir jetzt, eine ganz normale Familie.‘
Anke Demirsoy, WAZ
„Bei Kipphardt wird Hannah Arendts anlässlich des Jerusalemer Prozesses aufgestellte These von der Banalität des Bösen in der Person der Titelfigur greifbar. Hammerstein aktualisiert diese These sowohl inhaltlich als auch sprachlich und zeigt ihre gesamtgesellschaftliche Relevanz. Er blickt aus der Perspektive der Nachkriegsgeschichte auf die Verdrängungs- und Verarbeitungsmethoden der deutschen Politik und Gesellschaft. Virtuos gestaltet das Oberhausener Ensemble den Text als Partitur, spricht in der Wir-Form aus der Sicht von uns ‚herzensguten Leuten aus Mölln und Solingen, Hoyerswerda und Hanau‘, schaut auf schnell entnazifizierte Künstler und Promis, auf Hass und Gleichmut, verordnete Betroffenheit und das – in diesem Fall gar nicht bösartige – Wiedererwachen des Nationalstolzes beim Sommermärchen 2006. Die Giftspritze ist da Hammersteins Text, der pointiert zum Klingen gebracht wird. Das Ensemble macht den Text zum Erlebnis-Parcours. Sensationell!“
Dietmar Zimmermann, Rheinische Post
„Torsten Bauer entwickelt als Eichmann eine Menge schauspielerischer Facetten. Meist wirkt er leise und souverän, bescheiden und harmlos, fast gerät er in die Nähe der Liebenswürdigkeit. Nur wenn er hart bedrängt wird, kann er laut werden, und vor der Pause verlässt er die Bühne voll donnernder Boshaftigkeit. Da hat er nichts mehr zu verlieren, das Todesurteil ist bereits vollstreckt. Und damit ist er noch lange nicht tot, der Eichmann in uns allen. Heinar Kipphardt wollte keine Bestie der Bürokratie zeigen, von der man sich leicht distanzieren kann. Es geht um Denkstrukturen, die fortbestehen, vor allem auch um Emotionen, die weiterhin Entscheidungen bestimmen und die Logik überlagern können. Die Basalität des Bösen. Das hat Kathrin Mädler in ihrer immersiven Inszenierung mit der zwingenden Ausstattung von Mareike Delaquis Porschka perfekt umgesetzt.“
Stefan Keim, Theater der Zeit





















